Religiöse Rituale

Mit kleinen Veränderungen in der Tagesstruktur den Alltag entschleunigen, neue Kraftquellen erschließen und dem Leben mehr Tiefgang geben.

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Wer schon einmal „Morgenroutine“ oder „Abendroutine“ in die Google-Suche eingetippt hat, weiß: Von den „Acht Morgenritualen, die man sich von erfolgreichen Menschen abschauen kann“ bis zu den „10 Evening Routines That Will Make You Productive at Work and Life“ – Internet-Ratgeber-Seiten und VLogs (Blogs in Form von Videos) sind voll von Anleitungen, wie man für sich selbst, für die eigenen Kinder oder die ganze Familie gesunde, produktivitätssteigernde und das Leben allgemein erleichternde Rituale kreieren und in den Alltag einbauen kann. Zugegeben – die Qualität dieser Beiträge ist höchst unterschiedlich, doch machen sie eines deutlich: In einer 24/7-Kultur, in der rund um die Uhr, jeden Tag in der Woche alles verfügbar und unser Alltag tendenziell weniger durch äußere Vorgaben geprägt ist, suchen viele Menschen nach heilsamen Strukturen, die dem Leben Form geben.

Rituale können im Alltag wie „Anker“ wirken, die uns in der Vielfalt der täglichen Aufgaben und Tätigkeiten immer wieder zu dem zurückbringen, was uns wirklich wichtig ist. Sie geben Halt und Struktur, wo wir uns zu verlieren drohen. Im besten Fall können solche Rituale auch durch Krisenphasen des Lebens tragen. So verwundert es nicht, dass die besseren Websites und VLogs als Teil ihrer „Routinen“ immer wieder auf die Bedeutung von Reflexion, Gebet und Meditation hinweisen. Sie greifen dabei auf ein uraltes Wissen zurück, das über Jahrhunderte in religiösen Gemeinschaften gepflegt wurde. So war und ist das klösterliche Leben strukturiert durch das Motto „ora et labora et lege“, also: bete und arbeite und lies. Dadurch kommt zum Ausdruck, dass wir Menschen für gelingendes Leben alle drei Dimensionen brauchen: 1.Das aktive Handeln in der Welt (labora): die Erwerbsarbeit, die Sorgearbeit für Kinder und alte Menschen, unser tätiges Engagement in den verschiedensten Bereichen. 2. Das Sich-Weiterbilden, die kontinuierliche Horizonterweiterung (lege), ohne die das Leben stagniert. Und 3. das Gebet (ora) als Ort des unverzweckten Daseins, der Präsenz in der Gegenwart des geheimnisvollen Urgrunds aller Wirklichkeit, den wir Gott nennen.

Gerade diese letztgenannte Dimension des zweckfreien Da-Seins führt uns zu etwas, das in der gegenwärtigen Kultur, in der (fast) alles zweckgebunden und zielgerichtet ist, meist zu kurz kommt. Im Unterschied zu vielen der angepriesenen Erfolgs-, Fitness- und Wellness-Rituale, in denen es vor allem darum geht, etwas zu erreichen und zu erarbeiten, befreien christlich-religiöse Rituale vom ständigen „Um-zu“. Sie laden ein, sich selbst, das eigene Leben und Tun in die Gegenwart Gottes zu stellen. Nicht um Gott – wie in den Gebeten unserer Kindheit – für die eigenen Absichten einzuspannen, aber wissend, dass sich in Gottes Gegenwart vieles wandeln und verändern kann, ja dass das Leben mehr Tiefe bekommt. Wie das konkret geschehen kann?

Zum Beispiel indem ich am Morgen eine halbe Stunde früher aufstehe. Während alles noch ruhig ist im Haus, setze ich mich an einen schönen Ort und zünde eine Kerze an. Mit ein paar einfachen Worten vergegenwärtige ich mir, dass mein ganzes Leben und auch dieser Tag gehalten und getragen sind von einem großen Wohlwollen. Ein- und ausatmend, ohne Druck und Zwang, öffne ich mich für diese Liebe, die auch in mir und durch mich wirken will. So beginne ich den Tag in einer anderen Grundstimmung, die mich mir selbst und den Menschen um mich anders begegnen lässt.

Auch Mahlzeiten – in der Familie oder allein – bieten die Gelegenheit, innezuhalten: Mir bewusst zu machen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass ich genug zu essen habe. Dank zu sagen für das, was mich an diesem Tag nährt, und für die Gemeinschaft, die mich trägt. An unserem Küchentisch reichen wir uns vor jeder Mahlzeit die Hände und danken gemeinsam für all das Gute, das uns entgegenkommt.

Ein letztes Beispiel: Schon meine Mutter hat jeden Abend mit meinem Bruder und mir gebetet. Teilweise waren es vorformulierte Nachtgebete, teilweise frei formulierte Bitten und Dank. Dieses gemeinsame Abschließen des Tages hat mich geprägt und gehört heute auch in meiner eigenen Familie zum festen Abendritual: Meist beginnen wir mit einem vorformulierten Gebet, das dann übergeht in Dank für das erlebte Schöne und Gebet für andere: für Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben, die krank, einsam oder auf der Flucht sind, die traurig sind oder gefangen in einem Konflikt. Hier hat vieles Platz, was uns im Alltag begegnet – und die eigene kleine Welt weitet sich langsam auf eine größere Wirklichkeit hin.

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Als Anregung eigene Beispiele für kurze Gebetstexte zu den verschiedenen Tageszeiten, die meine Familie und mich seit längerem begleiten:

Gebet am Morgen:

Du mein Gott, nimm alles von mir, was mich hindert zu Dir.
Du mein Gott, gib alles mir, was mich führt zu Dir.
Du mein Gott, nimm mich mir und gib mich ganz zu eigen Dir.

Gebet vor dem Essen:

Wir danken Dir, Du treuer Gott, auch heut‘ für unser täglich‘ Brot.
Lass uns in dem, was Du uns gibst, erkennen – Gott – dass Du uns liebst.

Vorformuliertes Gebet am Abend mit Kindern:

Lieber Gott, ich schlafe ein. Lass mich ganz geborgen sein. Die ich liebe, schütze Du. Decke allen Kummer zu. Kommt der helle Morgenschein, lass uns wieder fröhlich sein.

Petra Steinmair-Pösel

Eine gekürzte Version des Artikels ist erschienen in "Familie", der Zeitschrift des <link http: familie.or.at external-link-new-window external link in new>Vorarlberger Familienverbandes auf Seite 14, Heft 1 | März 2018.